Kase 5.6/200mm Spiegeltele – Erfahrungsbericht

Wieder einmal ein kleiner subjektiver Objektivtest von mir 😉 . Mit sehr vielen Beispielbildern; der Spruch „ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ mag zwar nicht immer stimmen, bei einem Objektivtest trifft er aber voll zu. Einige der in diesem Beitrag gezeigten Bilder habe ich bereits in früheren Beiträgen gepostet, aber hier zwecks Übersichtlichkeit noch einmal zusammengefasst.

Bis vor ein paar Monaten war mir dass TTArtisan 1.25/90mm als einziges Fremdobjektiv zu den spiegellosen Hasselblad Kameras (X1D, X2D etc.) bekannt, dass bereits ab Werk mit XCD-Bajonett angeboten wurde. Inzwischen bin ich jedoch auf weitere Objektive mit XCD-Bajonett von Fremdherstellern gestossen: Anfangs Jahr auf das Kase 5.6/200mm Spiegeltele und im Frühling auf die Laowa Tilt/Shift-Objektive 17mm und 35mm. Alle drei fand ich seeehr interessant… 🙂 .

In diesem Beitrag hier soll es aber nur um das Kase 5.6/200mm Spiegeltele gehen. Zu den Laowa Tilt-/Shift-Objektiven folgt dann ggf. zu einem späteren Zeitpunkt ein eigener Beitrag.

Zu Beginn der übliche Disclaimer: Ich habe das Objektiv aus eigener Tasche bezahlt und der Erfahrungsbericht beruht zu 100% auf meiner eigenen, ehrlichen Überzeugung.

Beschreibung Funktionsweise Spiegeltele

Da vielleicht nicht alle mit dem Funktionsprinzip eines Spiegelobjektives vertraut sind, hier eine kurze Beschreibung. Im Gegensatz zu einem herkömmlich gebauten Objektiv, wo die Lichtstrahlen sozusagen „in einem Rutsch“ durchs Objektiv bzw. die Linsen auf den Sensor gehen, werden sie bei einem Spiegelobjektiv zweimal durch Spiegel umgelenkt: Die Lichtstrahlen fallen durch die Frontlinse und werden durch einen ringförmigen Spiegel am hinteren Ende des Objektivs wieder zurückgeworfen. Am vorderen Ende des Objektivs, also gleich hinter der Frontlinse, sitzt ein zweiter, kleinerer Spiegel, der das Licht wieder nach hinten schickt, wo es durch das Loch des Ringspiegels auf den Sensor fällt. Aufgrund dieser „Faltung“ der Lichtstrahlen wird der Weg derselben mehr als verdoppelt. Dadurch können Spiegelobjektive deutlich kompakter und leichter gebaut werden als es bei einer herkömmlichen Bauweise der Fall wäre. Konsequenterweise wird dies v.a. bei längeren Telebrennweiten eingesetzt, wo Grösse und Gewicht durchaus eine Rolle spielen. Das Kase 5.6/200mm ist gerade mal 500g schwer und knapp 10cm lang (ohne Gegenlichtblende). Das ist sensationell für ein 200er Tele am kleinen Mittelformat!

There is no such thing as a free lunch, wie die Anglophilen unter uns sagen würden 😉 . Will heissen, die Vorteile dieses Konstruktionsprinzips erkauft man sich mit einigen, teilweise einschneidenden Nachteilen:

  • Durch die „Faltung“ des Lichts geht auch ein Teil Helligkeit verloren, d.h. Spiegelteles sind nicht sehr lichtstark und nicht so kontrastreich. Dazu meistens anfällig für Flares.
  • Es kann keine Blendenmechanik eingebaut werden, d.h. Spiegelobjektive haben eine Fixblende
  • Auch der Autofokus funktioniert meistens nicht
  • Das Bokeh (also die Art, wie Unschärfe dargestellt wird), ist sehr speziell. Manchen gefällt’s, manchen graut’s…
  • Das Kase besitzt keinerlei elektronische Kontakte am Objektivbajonett, d.h. Scharfstellung und Belichtung müssen manuell gesteuert werden. Auch werden keinerlei Exif-Daten übertragen. Deshalb gibt es auch keine Objektivprofile in Lightroom oder anderen Bildbearbeitungsprogrammen zur automatischen Korrektur allfälliger Bildfehler.
  • Hasselblad-spezifisch: Generell bei Fremdobjektiven kommt noch das Fehlen eines mechanischen Verschlusses dazu, so dass nur mit dem elektronischen Verschluss gearbeitet werden kann, der wiederum seine eigenen Vor- und Nachteile mitbringt (Rolling shutter/Banding).

Interessant war das Objektiv für mich aus zwei Gründen: Einerseits das spezielle Bokeh, andererseits Grösse, Gewicht und Preis. Hasselblad macht es Tele-Liebhabern nicht einfach. Die längste angebotene Hasselblad-Brennweite mit XCD-Bajonett beträgt135mm + ein 1.7-fach Konverter. Diese Kombi ist doppelt so gross, fast dreimal so schwer und kostet fast zehnmal so viel wie das Kase… Mit den oben genannten Nachteilen hoffte ich mich arrangieren zu können.

Erster Eindruck und erste Bilder

Beim Auspacken fällt natürlich sofort die Grösse und das Gewicht auf, bzw. ich sollte eher sagen, die Kleinheit und die Leichtigkeit 🙂 . Die Verarbeitung ist tiptop, alles aus Metall, auch die aufschraubbare Streulichtblende. Der Fokusring geht sehr smooth, fast schon zu leicht – dazu später mehr.

Schon bald zog es mich nach draussen, um mich ein bisschen warm zu schiessen und mit dem Objektiv vertraut zu werden. 200mm ist eine Brennweite, die ich schon seit vielen Jahren nicht mehr im Einsatz hatte bzw. besitze; da muss der Motiv-Blick wieder neu trainiert werden. Und tatsächlich passierte es mir zu Beginn häufig, dass ich beim ersten Blick durch den Sucher feststellte, dass ich viiiiel zu nah dran war. Auch an die Naheinstellgrenze von knapp 2m musste ich mich gewöhnen, v.a. wenn man Blumen und ähnlich kleine Objekte fotografieren möchte. Aber vor allem wollte ich herausfinden, welche Motive und welche Rahmenbedingungen dieses spezielle Bokeh begünstigen und welche es eher unterdrücken. Und nicht zuletzt wollte ich natürlich auch die technische Bildqualität austesten.

Erkenntnisse nach den ersten Tagen

Handling: Wenn an der Hasselblad alle Einstellungen korrekt vorgenommen wurden (elektronischer Verschluss, IBIS manuell auf 200mm eingestellt, Cropformat angezeigt) ist das Fotografieren sehr simpel. Ausser Scharfstellen gibt es nichts zu verstellen oder zu manipulieren. Allerdings hat das manuelle Fokussieren mit dem Kase seine Tücken; ich hatte zu Beginn öfters unscharfe Bilder, obwohl ich sicher war, im Sucher die Schärfe korrekt eingestellt zu haben. Nach ein bisschen Testen und Tüfteln konnte ich drei Ursachen dafür ausmachen.

  • Verschwenken: Trotz f5.6 ist der Schärfebereich sehr schmal; bereits ein leichtes Verschwenken der Kamera nach dem Scharfstellen zur endgültigen Bildkomposition kann – vor allem bei relativ nahen Objekten – bereits ausreichen, um das Motiv aus dem Schärfebereich heraus zu bewegen. => Lösung: Bildkomposition zuerst bestimmen und dann den Fokuspunkt genau auf das Hauptmotiv legen.
  • Fokuspeaking: Aufgrund des schmalen Schärfebereichs genügt Fokuspeaking (also die farbige Markierung von scharfen Kanten im Sucherbild) in den wenigsten Fällen. Ob das bei allen Kameras so ist oder nur bei Hasselblad, weiss ich nicht. => Lösung: Zum Fokussieren immer auf 100% Ansicht zoomen.
  • Zu leichtgängige Fokussierung: Wie bereits weiter oben erwähnt, ist der Fokussierring sehr leichtgängig. Zum Scharfstellen angenehm, aber leider reicht schon die kleinste Berührung um die Fokussierung wieder zu verstellen. Begünstigt wird das noch durch den sehr breiten Fokussierring. Auch dies ist eigentlich sehr angenehm, aber leider auch gefährlich, weil es dadurch schwierig wird, ihn nicht mehr zu berühren. => Lösung: Nach dem Fokussieren bewusst die Hand vom Fokussierring nehmen und auf den hinteren, festen Objektivtubus legen.

Das tönt jetzt alles furchtbar kompliziert und umständlich und ein „point and shoot“ Objektiv ist es definitiv nicht. Hat man sich aber einmal daran gewöhnt, geht der Ablauf ganz gut von der Hand.

Auf dem Stativ erübrigen sich Punkt 1 und 3 natürlich.

Bildqualität: Wie erwartet kann die technische Bildqualität nicht mit Original-Hasselbladlinsen mithalten. Das ist aber auch gar nicht die Intention des Objektivs. Es bietet einen Bildlook, den ich mit keinem konventionellen Objektiv hinbekomme. Vignettierung und v.a. die leicht flauen RAWs lassen sich in der Nachbearbeitung gut korrigieren. Flares kann/muss man halt bereits bei der Aufnahme vermeiden. Verzeichnung ist praktisch keine vorhanden.

Bokeh: Eigentlich ja der Hauptgrund für die Anschaffung 🙂 . Je nach Situation bzw. Rahmenbedingungen verhält sich das Bokeh komplett verschieden. Ich habe für mich drei Kategorien definiert:

  • Natur- und Landschaftsbilder mit viel organischen Formen und wenig Linien
  • Architektur und Technik
  • Diffuses Licht

Natur- und Landschaft

Wohl der klassische Anwendungszweck des Objektivs. Hier glänzt das Bokeh mit geradezu märchenhaft anmutender, barocker Üppigkeit. Will man das in jedem Bild? Natürlich nicht, aber wenn es von Motiv und Stimmung her passt, dann ergibt sich eine Sogwirkung, der sich die wenigsten Betrachter entziehen können (meine subjektive Meinung…). Das funktionert v.a. bei Blumen, Laub und anderen organischen Formen. Für kahle Bäume und Äste hingegen gilt eher das im nächsten Abschnitt „Architektur und Technik“ beschriebene.

Architektur und Technik

Die oben angesprochene Verdoppelung von Strukturen und Kanten ist definitiv ein Schwachstelle. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand das schön findet. Es macht den Hintergrund extrem unruhig und chaotisch. Für ganz spezielle Bildideen mag das nützlich sein, aber im allgemeinen versucht man genau das zu vermeiden. Wie oben erwähnt, gilt das z.T. auch für Landschaftsbilder mit kahlen Bäumen oder anderen Kanten/Linien.

Diffuses Licht

Bei diffusem Licht verhält sich das Kase 5.6/200mm am ehesten wie ein normales Objektiv. Landschaftsbilder unter diesen Bedingungen sind kaum von Bildern herkömmlicher Objektive zu unterscheiden. Ob das gut oder schlecht ist, muss jeder selber für sich entscheiden. Wer schon eine ähnliche Brennweite besitzt und das Kase ausschliesslich wegen des speziellen Bokehs angeschafft hat, wird wahrscheinlich enttäuscht sein. Ich selber finde es eigentlich ganz praktisch, das ich mit dem Objektiv auch „ganz normale“ Bilder machen kann, da ich ansonsten nichts mit ähnlicher Brennweite besitze.

Bokehvergleich

Das gleiche Motiv vom selben Standort aus mit verschiedenen Objektiven, alle auf den gleichen Bildausschnitt gecroppt. Alle mit f5.6 sowie jeweiliger Offenblende (was beim Kase dasselbe ist…).

  • Kase 5.6/200mm Spiegeltele
  • TTArtisan 1.25/90mm
  • Hasselblad XCD 3.4/75mm P

Fazit

Das Kase 5.6/200mm Spiegeltele hat meine Erwartungen zum grössten Teil erfüllt. Ich habe es nie als Allrounder gesehen, sondern als ein Objektiv mit speziellem Bildlook für spezielle Gelegenheiten (ähnlich dem TT Artisan 1.25/90mm). Und genau das liefert Kase mit dem Objektiv ab. Ziemlich beeindruckend, wenn man bedenkt, dass Kase bisher v.a. für Filter bekannt war und es ihr erstes Objektiv ist. Man muss sich allerdings der Schwächen bewusst sein und das Objektiv dementsprechend einsetzen. Mir hat es viel Spass gemacht und ich bin sicher, gerade im Herbst werden sich wieder viele passende Motive entdecken lassen.


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