Fahrräder fotografieren…

Wie fotografiere ich Fahrräder?

Ein etwas spezielles Thema, ich weiss; oder auf Neudeutsch “special interest”…

Aber was so banal tönt, ist durchaus eine Herausforderungen, wenn man es richtig machen will. Natürlich kann man das Fahrrad auch einfach an eine Wand lehnen, sich davorstellen und ein Handyfoto knipsen. Zu Dokumentations- oder Versicherungszwecken reicht das. Wer allerdings die Angewohnheit hat, seinen Velos Kosenamen zu geben oder sich hin und wieder dabei ertappt, wie er (oder sie) liebevoll über die fein ziselierte Steuerplakette streicht oder mit dem Finger sanft die wohlgeformten Rundungen des Sattelstreben-Ueberganges nachfährt, nein, so jemand ist mit nachlässig und nebenbei geknipsten Bildern seines Schätzchens kaum zufrieden. Wahrscheinlich habt Ihr es schon erraten: Auch ich gehöre in diese Kategorie… 🙂 .

Wenn ich Fahrräder,  meistens Rennräder, fotografiere, folge ich meistens einem bestimmten Ablauf, damit ich auch nichts vergesse. Grob unterteile ich so ein Fotoshooting in drei Kategorien:

  1. Bilder in der Totalen, mit möglichst korrekten Winkeln und Grössenverhältnissen
  2. Detailbilder des Fahrrades, die das jeweils Spezielle des betreffenden Zweirades besonders hervorheben
  3. Stimmungsbilder, in der Landschaft, der Stadt, am See etc, gerne auch zur blauen Stunde, mit Blitz, Langzeitbelichtungen usw.

Also grob gesagt, vom Objektiven zum Subjektiven. Natürlich gibt es immer auch Bilder, die sich nicht eindeutig einer Kategorie zuordnen lassen, aber der rote Faden hilft mir beim Arbeiten.

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Grundsätzliches

Dabei gibt es einige Regeln, die im Prinzip für alle drei oben erwähnten Kategorien gelten, ganz besonders aber für die erste. Die folgenden Tipps und Ratschläge sind zwar v.a. für Rennräder gedacht, können aber sinngemäss auch auf andere Radgattungen angewandt werden.

Schokoladenseite: Für eine Totale fotografiert man immer die Antriebsseite, also von rechts (wo die Kurbel und die Kette sind). Eine Kommode fotografiert man ja schliesslich auch nicht von hinten… 😉

Laufräder: Die Ventile beider Räder sollten unten stehen und senkrecht nach oben weisen. Dies hat weniger mit den Ventilen selber zu tun als mit der Tatsache, dass moderne Felgen häufig Dekore oder Beschriftungen aufweisen. Achtet man auf “Gleichstand” der Ventile, sind auch die Dekore der beiden Räder identisch platziert. Die Perfektionisten montieren sogar den Reifen so, dass die Beschriftungen jeweils mittig über dem Ventil platziert sind. Bei Felgen/Reifen ohne jegliche Beschriftung drehe ich die Laufräder manchmal auch so, dass die Ventile hinter den Kettenstreben bzw. der Gabel versteckt sind.

Kurbel: Die Kurbel auf der Antriebsseite sollte fast waagerecht nach vorne zeigen, genau in der Verlängerung der Kettenstreben. Alternativ kann man die Kurbel auch schräg nach unten zeigen lassen, in Verlängerung des Sitzrohres, was mir persönlich meistens besser gefällt. Auf jeden Fall sieht es dynamischer aus, wenn die Kurbel nicht nach hinten zeigt und in harmonischer Verlängerung des Rahmens ausgerichtet ist. Eine nicht oder unschön ausgerichtete Kurbel hat diesselbe Wirkung auf den Betrachter wie ungekämmte Haare bei einem Portrait…

Kette: Die Kette liegt vorne auf dem grossen, äusseren Kettenblatt. Hinten sollte man die Kette so schalten, dass die beiden Rollen im Schaltkäfig des hinteren Wechslers mehr oder weniger senkrecht übereinander stehen. Meistens erweist sich dann das kleinste, äusserste Ritzel als das Richtige. Mit dieser Ausrichtung ist nicht nur sichergestellt, dass der hintere Wechsler optimal dargestellt wird, sondern auch dass der untere und obere Strang der Kette einigermassen parallel verlaufen (zumindest bei Rennrädern).

Zubehör: Sämtliches Zubehör, dass nicht unmittelbar zum Rennrad gehört, wird für die Bilder abgeschraubt. Also z.B. Werkzeugtasche, Licht, Ersatzschlauch, Wasserflasche, Computerhalter, Pumpe usw. Das einzige, was dranbleiben darf (und soll), ist der Flaschenhalter. Bei einem Reiserad z.B. mag das etwas anders sein, da gehört die Ausrüstung ja irgendwie dazu.

Putzen: Eigentlich selbstverständlich. Wenn man schon soviel Aufwand betreibt, sollte das Fahrrad auch blitzblank sauber sein. Dazu gehören ggf. auch ein neues Lenkerband/neue Lenkergriffe oder neue Reifen.

Freistellen: Besonders schön werden Bilder, wenn das Velo wie von Zauberhand ganz allein auf zwei Rädern in freier Wildbahn steht. Dazu klemmt man ein Stöckchen zwischen Boden und Tretlagerbereich, welches man dann später am Computer wegretuschieren kann. Ganz Raffinierte schaffen es, das Stöckchen schon für die Aufnahme hinter der Kurbel zu verstecken, sodass man am Computer (fast) nichts mehr zu retuschieren braucht. Falls das Vorderrad nicht stillhalten will, kann man einen kleinen Stein darunter klemmen, um es vor dem Ein- oder Umschlagen zu bewahren. Natürlich ist das eine etwas fragile Konstruktion, die einigermassen Windstille voraussetzt. Wer einen Helfer dabei hat, kann auch folgende Methode anwenden: Der Helfer hält das Rad in der gewünschten Position z.B. am Sattel fest, allerdings so, dass es möglichst in Balance ist. Der Fotograf geht in Position und wenn er bereit ist, gibt er dem Helfer ein Zeichen, dieser lässt das Velo los und springt zurück, der Fotograf löst aus, der Helfer springt wieder vor und hält das Velo fest, bevor es umfallen kann. Braucht ein bisschen Uebung und Koordination, funktioniert dann aber recht gut.

An die Wand: Auch wenn man das Rad einfach an eine Wand stellt, sollte man beachten, dass es auch wirklich gerade steht, v.a. der Lenker neigt dazu, einzuknicken. Ausserdem sollte die Wand selber einerseits farblich kontrastieren und andererseits nicht vom Rad selber ablenken. Also z.B. irgendetwas unifarbenes ohne viel Strukturen. Als leichte Abwandlung davon kann man das Velo auch leicht schräg zur Wand stellen, sodass es diese nur mit dem Hinterrad berührt. Meistens muss dann wieder ein Stein unter dem Vorderrad zum Einsatz kommen, damit alles einigermassen stabil steht, zumindest die paar Minuten für’s Foto.

Hatte ich schon erwähnt, dass Fahrräder fotografieren anspruchsvoller ist, als es auf den ersten Blick aussieht…? 🙂

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Bilder in der Totalen

Hier folge ich der Maxime, das technische Objekt Fahrrad möglichst objektiv zu zeigen. Um alle Proportionen und Winkel (und davon hat ein Fahrrade viele…) korrekt darzustellen, benutze ich dazu ein Teleobjektiv, mind. 90mm, besser 150mm (bezogen auf Mittelformat, im Kleinbild wären dies ca. 70mm bzw. 120mm), sofern der Platz ausreicht. Dazu mit relativ offener Blende arbeiten, damit der Hintergrund schön verschwimmt und das Velo gut hervorsticht. Solche Aufnahmen sind sozusagen das fotografische Aequivalent einer technischen Zeichnung.

Natürlich kann man auch in diese Kategorie ein bisschen Dynamik reinbringen, in dem man nicht mehr rechtwinklig von der Seite fotografiert, sondern etwas schräg von vorne oder hinten. Ich bevorzuge auch für diese Varianten ein Teleobjektiv. Ein Weitwinkel wäre zwar noch dynamischer, verzerrt aber die Proportionen extrem, was mich meistens stört.

Ob man bei bedecktem Himmel, Seiten- oder Gegenlicht arbeitet, hängt davon ab, welche Wirkung man erzielen möchte. Möglich ist alles. Auch ob man eher in der Landschaft fotografiert oder im urbanen Umfeld ist Geschmackssache.

Bianchi SpecialissimaHier freigestellt mit der “Stöckchenmethode”. Die Kette könnte hinten noch auf ein kleineres Ritzel, dann wäre es perfekt

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Bianchi Specialissima

Hier die Variante schräg von vorne mit dem 90mm. Das Vorderrad ist mit einem Stein fixiert. Der farbige Rahmen hebt sich gut von der grauen Wand im Hintergrund ab.

 

Detailfotos

Für die Detailfotos sollte man sich genau überlegen (bzw. erfragen, wenn es nicht das eigene Velo ist), was genau den Reiz dieses speziellen Fahrrades ausmacht. Ist es die Lackierung? Oder die edle Schaltung? Oder vielleicht die sündhaft teure Lenker-/Vorbau-Kombi aus Carbon? Oder der Rahmen selber mit speziellen Rohrformen? Wie auch immer, es gilt, die “Persönlichkeit” des jeweiligen Fahrrades herauszuarbeiten (nicht lachen, ich meine das durchaus ernst 🙂 ). Hierbei empfiehlt sich die Verwendung eines Statives. Gerade bei Nahaufnahmen ist die Tiefenschärfe extrem gering, so dass man häufig stark abblenden muss. Das ist zwar etwas nervig und das Aufbauen und jedesmal Umplatzieren/Justieren des Dreibeins dauert ein Vielfaches des eigentlichen Fotografierens, aber auch hier gilt: Wenn man bis hierhin schon soviel Aufwand betrieben hat, wäre es schade, auf halbem Weg Kompromisse einzugehen. Das Ergebnis rechtfertigt den Aufwand. Gedanken sollte man sich auch zum Licht machen. Welches Licht ist am besten geeignet für die von mir gewünschte Wirkung? Will ich feine, reliefartige Strukturen zeigen, ist ein Streiflicht bestens geeignet. Für flächige, evt. sogar hochglanzpolierte Teile empfiehlt sich eher weiches, indirektes Licht. Um Formen und Silhouetten herauszuarbeiten, kann man auch einmal mit Gegenlicht fotografieren. Es gibt kein Patentrezept, alles hängt vom Motiv und der gewünschten Wirkung ab.

Bianchi SpecialissimaBianchi Specialissima

Bianchi SpecialissimaBianchi Specialissima

Bianchi Specialissima

 

 

Campagnolo 11 speed

 

 

 

 

Von links oben im Uhrzeigersinn: 1) Hier ging darum zu zeigen, dass das Unterrohr nicht rund, sondern leicht eckig ist 2) Der Sattelknoten mit harmonischen Rohrübergängen 3) Das Steuerrohr mit dem aufwendig geformten Kabeleinlass 4) Das handgemalte Firmenlogo des Herstellers 5) Die italienische Flagge am Sattelrohr 6) Detail des  Antriebs: Kette mit Kettenblatt

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Stimmungsbilder

Hier sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Winkeltreue Abbildung kann man, muss man aber nicht beachten. Während es in den beiden vorhergegangenen Kategorien v.a. um die Technik ging, haben jetzt die Emotionen Vorrang. Auch Bilder von unterwegs eigenen sich hervorragend, sei es mit einer spektakulären Landschaft/Aussicht im Hintergrund oder in einer originellen Location. Im Gegensatz zu den oben erwähnten Kategorien dürfen bei diesen “authentischen” Bildern ruhig auch Satteltäschchen, Bidon, Radcomputer etc. am Rad bleiben. In diesem einen, speziellen Fall akzeptiere ich sogar meine Handykamera, da es die einzige Kamera ist, die ich auf dem Rad dabei habe 😉 . Die Bilder unten sollen nur einen Hinweis geben, was alles möglich ist. Ich bin sicher, Ihr findet noch viel mehr kreative Möglichkeiten, Euer Fahrrad in Szene zu setzen – buchstäblich!

Bianchi Specialissima TitelEin Bild im urbanen Umfeld betont eher die technische Seite des Objektes “Fahrrad”

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Handykamera: Ein Bild mit augenzwinkerndem Symbolcharakter: Mit dem Rad auf den Weg in den (siebten) Himmel… 🙂

 

 

Für die Velophilen oder einfach technisch Interessierten unter Euch: Die obigen Bilder zeigen ein Bianchi Specialissima in celeste-fluo mit mechanischer Campagnolo Chorus 11-fach Gruppe sowie Campagnolo Bora One 50mm Tubular Laufrädern.

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